CC-Lizenzen aus Musiker-Sicht (und ein Vorschlag am Ende)

Allgemeine Diskussionen rund um den Verein. Sofern hier Themen aufkommen die einer Abstimmung bedürfen, wird diese in der zweiten Woche der Versammlung durchgeführt werden.
eylou
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CC-Lizenzen aus Musiker-Sicht (und ein Vorschlag am Ende)

Beitragvon eylou » Mi Mär 20, 2013 9:57 pm

Hallo zusammen,

die Musikpiraten setzen sich ja für die Verbreitung von CC-Lizenzen und Förderung von Bands & Musikern ein, die sie für ihre Werke verwenden.

Ich will mal meine Perspektive und meine Erfahrungen zu dem Thema in den Raum stellen. Werde versuchen, mich kurz zu fassen - aber es wird nicht klappen. ;-)

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CC-Lizenzen aus (meiner) Musiker-Perspektive:

Als ich vom ersten F!M!-Contest erfahren hatte (über gulli.com), habe ich das zum Anlass genommen, meine eigenen Songs unter Creative Commons zu stellen. Ich mach *sehr* schräge Musik ohne kommerzielle Ziele. Sie war immer frei runterladbar, von daher war die Lizenz kein großer Schritt für mich.

Seitdem bin ich regelmäßig von Bands aus meinem Umfeld gefragt worden, was die Lizenz nach meiner Erfahrung "bringt". Ich bin etwas ratlos, was ich antworten soll - vor allem kann ich nicht sagen, dass sie mir viele Türen geöffnet oder zu deutlich mehr Beachtung verholfen hätte.

("Beachtung", "mehr Fans" "nicht in der Masse untergehen" - das sind generell die vorrangigen Ziele fast aller kleinen Bands, die Musik für andere und nicht nur "für sich selbst" machen wollen. Wenn sich niemand für die eigene Musik interessiert, frustriert das auf Dauer, lässt das ganze Unterfangen sinnlos erscheinen, erschwert Live-Auftritte vor eigenem Publikum etc.)

Zurück zu den CC-Lizenzen - ich konnte bei den Free-Music-Contests mitmachen, mein Album bei Jamendo hochladen; etliche Leute aus dem Piratenpartei-Umfeld sind auf die Weise darauf gestoßen und haben positiv reagiert. Das ist super, aber das war, soweit ich es überblicke, alles.

Wer Musik macht, die sich (anders als meine) für Remixe eignet, hat darüber hinaus mit Communities wie ccMixter sicher vielversprechende Möglichkeiten.

Generell kann ich mich übrigens nicht beschweren. Gerade für das, was ich fabriziere, ist das Interesse von allen Seiten verdammt hoch. Nur denke ich, die CC-Lizenzen haben daran einen verhältnismäßig kleinen Anteil. Und das bringt mich zu...

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CC-Lizenzen aus Sicht von "normalen Musikhörern":

Grob gesagt weiß niemand, was es mit CC-Lizenzen auf sich hat und das Interesse dafür hält sich oft auch in engen Grenzen (soweit mein Eindruck).

Bei der jüngeren Generation ist es inzwischen ohnehin die Norm, freien Zugriff auf *alle* Musik zu haben. Spotify ist ganz groß, gesperrte YouTube-Videos nerven, manche Leute sammeln weiterhin CDs, Vinyls und teure Special Editions ihrer Lieblingsbands - aber für lizenztechnische Feinheiten oder "freie Kultur" interessiert sich fast niemand.

Das finde ich nicht mal verwunderlich. Die meisten Musikhörer konsumieren Musik ja nur, die wenigsten remixen, covern oder nutzen sie aktiv - damit fällt ein großer Reiz der CC-Lizenzen für die allermeisten Leute weg. Und wenn doch mal jemand ein eigenes Video mit Musik ausstatten will, setzt er sich einfach über bestehendes Verwertungsrecht hinweg - wie das im Internet eben so läuft ;-)

Je nachdem, wie man diese Entwicklung betrachtet, muss sie ja keineswegs schlecht sein: Musik wird, in gewisser Weise, tatsächlich immer "freier", zum Leidwesen von Musiklabels und Urhebern mit Vorstellungen von "geistigem Eigentum". Aber es ist mehr die digitale Realität des Internets, die die alten Ideen zu Fall bringt - weniger das Gegenmodell von freier Kultur und CC-Lizenzen.

Wer Creative-Commons-Lizenzen als Mittel zum Zweck sieht, genau diese Entwicklung herbeizuführen, kann sich im Grunde freuen. Für Musiker und andere Urheber, die in ihnen vielleicht die ultimative Trumpfkarte zur Verbreitung ihrer Werke gesehen haben, werden die Lizenzen selbst dagegen weniger reizvoll.

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Potential und Perspektiven von CC-Lizenzen:

Wo immer so eine radikale neue Entwicklung stattfindet, gibt es natürlich Kräfte, die alles unternehmen, um sie aufzuhalten. In dem Fall alle, die für ihr Geschäftsmodell auf das alte Urheber- und Verwertungsrecht und seine Durchsetzung angewiesen ist (Verlage, Labels, GEMA usw). Die entsprechenden Newsmeldungen über neue (Gesetzes)vorstöße, Abmahnungen und Klagen kennt hier sicher jeder.

Es gibt eine große Gruppe, für die Creative Commons enorm hilfreich wäre, die aber erstaunlicherweise wenig vertraut mit der konkreten Anwendung sind: Blogger im Internet, die am laufenden Band digitalen Content aller Art zweitverwerten und momentan massiv von Abmahnungen und hohen Geldforderungen betroffen sind.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie überrascht Blogger außerhalb des Piratenpartei-Umfelds sind, wenn ich inmitten einer gigantischen Diskussion über Abmahnungen den Vorschlag einwerfe, z.B. für Blogpost-Titelbilder einfach CC-lizensierte Fotos zu verwenden.

Wenn man CC-Lizenzen weiter verbreiten will, ist DAS aus meiner Sicht die Gruppe, auf die man sich konzentrieren sollte. Blogger können enorm von CC profitieren, sind generell offen für neue Ideen und in vieler Hinsicht Trendsetter, die neue Konzepte aufgreifen und bekannt machen, bevor sie die generelle Öffentlichkeit erreichen.

Entscheidend ist, so konkret wie möglich zu sein: "Es gibt da diese Lizenzen, freie Kultur, etc. etc." ist zu abstrakt. "Geh für Fotos auf Flickr, klick auf die erweiterte Suche, such nach Creative Commons-lizensierten Bildern, dann nach 'interessantesten Bildern' - Du findest haufenweise geniales Zeug zur freien Verwendung und die Gefahr durch Abmahnungen ist minimal bis nicht vorhanden." - das funktioniert.

Man darf nie vergessen, dass diese Sachen, die uns längst selbstverständlich erscheinen, für andere Leute, auch im Internet, oft absolutes Neuland sind.

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Ein konkreter Vorschlag:

Ich habe ja auch zwei Jahre lang F!M!-Sampler an verdutzte Leute verteilt, ich fand die Kinderlieder-Aktion klasse (die mediale Beachtung war enorm!) und ich erzähle jedem, der zuhören will, von Creative Commons - aber vielleicht ist das zu unfokussiert?

Warum schreiben wir dieses Jahr nicht im noch größeren Stil als bisher Blogger einzeln an und schicken, zusammen mit einer kleinen Erläuterung, was sie selbst von CC haben, 200/500/1000 F!M!-Sampler (oder was Ressourcen & Budget hergeben) an alle, die einen haben wollen?

(Ich würde übrigens, soweit ich kann, auch mitmachen. Christian reißt sich hier ja seit Jahren sämtliche Gliedmaßen für die Musikpiraten aus (jedenfalls wirkt es auf mich so ;) ). Vorschläge sind gut, aber konkrete Unterstützung schadet sicher auch nicht.)

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Zum Abschluss meines "kurzen" Beitrages: Das hier sollte nur meine subjektive Perspektive ohne jeden Anspruch auf Allgemeingültigkeit sein. Ich seh ja nur einen kleinen Ausschnitt der ganzen Entwicklung und sicher läuft ein Haufen Zeug, dessen ich mir gar nicht bewusst bin. Ich hoffe, das hier war trotzdem hilfreich.

Falls jemand schreiben / sich über die Länge dieses Romans beschweren will:
mail@ey-lou-flynn.de

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